Bindung, Identität, Glück

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Ich sprach neulich lange mit einem Mediziner über die Bindungstheorie. Wir planen eine Kooperation, in der wir aus medizinischer und medienwissenschaftlicher Perspektive einen Präventionsansatz für eine gute Gesellschafts-, Kommunikations- und Arbeitskultur entwickeln [inzwischen am Start: der Fokus Medienresilienz]. Als medizinischer Leiter einer psychosomatischen Klinik befasst er sich seit Jahren mit Hörstürzen, Angst, Burnout, Depressionen und den persönlichen und gesellschaftlichen Ursachen, die all diesen körperlichen Ausdruckformen zugrunde liegen. In geradezu gespenstischer Weise gleichen sich seine Erkenntnisse aus der medizinischen Praxis mit meinen Erfahrungen in der praktischen Anwendung unseres Slow Media Ansatzes im Rahmen des Digitalen Arbeitsschutz. Um Schaden von sich und seinem Unternehmen abzuwenden, ist es wichtig, bewusst, reflektiert und konstruktiv mit sich, den Mitmenschen und den Medien umzugehen und eine produktive Taktung von Aktivität und Entspannung zu finden. Burnout-Prävention und Digitaler Arbeitsschutz haben also dasselbe Ziel: den eigenverantwortlich handelnden und seiner selbst sicheren, souveränen Menschen, der sich einbringen und sich entziehen zu kann.

Bindungstheorie in neuem Licht

Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Menschen das angeborene Bedürfnis danach haben, enge und intensive Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Dabei spielen die Erfahrungen mit frühen Bindungspersonen eine wichtige Rolle für das spätere Bindungsverhalten. Zu den zentralen Entwicklungsaufgaben des Lebens gehört es, zu erkennen, dass eine geliebte, verlässliche Bindungsperson – bei allem Schmerz über ihre Abwesenheit – auch wiederkommt. Es entwickelt sich eine Zuversicht über die Verlässlichkeit von Bindungen, die nicht zwingend an die ständige Anwesenheit der Bindungsperson geknüpft ist. Eine sogenannte “sichere Bindung” ist also gerade davon geprägt, dass man sich binden UND abgrenzen kann. Gelingt diese Entwicklungsaufgabe nicht, kann man im schlimmsten Falle keine Bindung aufbauen. Oder aber es besteht eine “unsichere Bindung”: Man kann sich zwar binden, es gelingt einem aber nicht, sich zu lösen.

Souveräne Mediennutzung

“Das Internet befriedigt ein menschliches Bedürfnis nach Bindung und Bezug”, habe ich neulich in einem dpa-Interview gesagt. Wir sind menschliche Wesen und meiner Meinung nach liegt der Erfolg der sozialen Medien gerade darin, dass sie dieser Sehnsucht Ausdruck verliehen, Kontaktaufnahme ermöglichen und helfen, Distanzen zwischen Menschen zu überwinden. Aber wie bei einer sicheren Bindung gehört zu einer souveränen und erwachsenen Nutzung digitaler Medien auch die Fähigkeit, sich entziehen und Pause machen zu können.

Und so beantwortet sich auch die Frage, die sich nach wie vor einige angesichts unseres Slow Media Ansatzes stellen: Sind die jetzt für oder gegen digitale Medien? Die Antwort lautet: Wir sind für die Nutzung digitaler Medien, ganz im Sinne einer sicheren Bindung: Mit Begeisterung und Faszination binden wir uns an sie, und mit Souveränität und Gelassenheit können wir uns ihnen auch entziehen.

Was macht Menschen glücklich?

Mit dieser Frage beschäftigt sich seit über 75 Jahren eine Längsschnittstudie der Harvard-Universität. Auch hier lautet die Antwort: Die Bindungsfähigkeit. “Das mit Abstand wichtigste ist die Bindung”, sagt der Leiter der Studie (s.o.). Und: “Die wahre Glückseligkeit liegt [...] in der echten und tiefen Bindung mit anderen Menschen.”

Die Sehnsucht nach Bindung, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit ist ein menschliches Urbedürfnis. Bindung gibt uns Identität und Halt. Dies kann die Bindung an Menschen sein (Familie, Freunde), an eine Aufgabe (Arbeit) oder an eine Idee. Dies ist ein durchaus wichtiger Faktor. Engagement, Begeisterung und Einsatzbereitschaft treiben die Wissenschaft und Arbeitswelt an, schaffen Visionen und Erfindungen, ermöglichen Fortschritt und Wohltätigkeit.

Ideologien und Fanatismen blühen im Identitäts-Vakuum

Ist dieser Bindungswille aber nicht von einer selbstsicheren, souveränen Persönlichkeit geerdet, kann auch Fanatismus entstehen. Das durch die blinde Bindung an eine Idee oder ein Feindbild entstehende Wohlgefühl, verleiht zwar keine “echte” Identität und Erdung, vermittelt den Akteuren aber durchaus den Eindruck von Zusammengehörigkeit, Identität, Sinn. Und es ist brandgefährlich: Wer das Angebot einer bezugsfertigen Identität à la Pegida annimmt, ist für sachliche Auseinandersetzungen nicht im geringsten zugänglich – das zeigen seit Wochen die in sich widersprüchlichen Äußerungen, die viele Pegida-Anhänger munter verquast in die Mikrophone ratloser Reporter zu Protokoll geben.¹ Es geht eben nicht um die Sache, sondern um Emotion, um innere Verunsicherung und ein Identitäts-Vakuum, das dringend gefüllt werden will.
Diese Entwicklung sollte uns als Gesellschaft Sorgen machen. Auch die Ereignisse in Paris um Charlie Hebdo und das Attentat auf den jüdischen Supermarkt sind womöglich das schreckliche Ergebnis einer Identitätssuche von Männern, die in Paris geboren und aufgewachsen sind.

Resiliente Gesellschaft

Was können wir als Gesellschaft tun? Wichtiger als das Feuerlöschen am Ende ist es, diesen Entwicklungen schon im Vorfeld den Nährboden zu entziehen. Wer sich seiner selbst sicher ist, kann auch andere anders sein lassen – ohne sich in seiner eigenen Identität bedroht zu fühlen. Unser Ziel sollte eine resiliente Gesellschaft sein, also eine Gesellschaft, die widerstandsfähig ist und gut mit Veränderungen umgehen kann. Was hält uns als Gesellschaft zusammen und wie können wir das fördern? Die Verengung des Sichtfeldes im Kontext gesellschaftlicher und politischer Entscheidungen auf rein Quantifizierbares, auf Wirtschaftlichkeitsprüfungen, die soziale Aspekte außer Acht lassen, haben uns hier sicher in die falsche Richtung geführt. In Zukunft gilt es, auch mittelfristig wirkende soziale Faktoren vermehrt in Kosten-Nutzen-Analysen zu berücksichtigen – das wäre ein guter erster Schritt hin zu einer resilienten Gesellschaft.

Dem Gespräch, dem Zuhören, der Kontaktaufnahme, dem Austausch und damit der Bindung Raum und Zeit zu geben, ist und bleibt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe – auch in einer Zeit, da es Agoras, Marktplätze und öffentliche Wasch- und Badehäuser immer weniger gibt. Soziale Bindung, Gemeinwohl und Gemeinschaftlichkeit sollten wir im eigenen Interesse stärken, wo immer es geht. Das fängt – ganz im Sinne von “think global, act local” – schon im ganz Kleinen an: In der Bildung nicht nur dem Wissenserwerb, sondern auch der Selbstbildung Raum geben. Im Gesundheitswesen dem aufmerksamen Gespräch zwischen Arzt und Patient Raum und Zeit geben (und damit mittelfristig womöglich Kosten für Medikation sparen). Orte der Begegnung weiteren Parkplätzen vorziehen.² Prozesse vermeiden, die gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspielen und den kommunalen Gemeinsinn torpedieren.³ Auch Formen der Sharing Culture wie Repair Cafés und Fahrgemeinschaften, Generationenprojekte und politische Teilhabe können den gesellschaftlichen Gemeinsinn stärken.

Souveränität, Verantwortung, Bildung und Selbstvertrauen sind auch in einer Gesellschaft – nicht nur in der Burnout-Prävention und im Digitalen Arbeitsschutz – ein wichtiger Schlüssel. Die Resilienz der Gesellschaft wird wie auch die Resilienz der Menschen und der Unternehmen von der Bindungsfähigkeit und der Fähigkeit, sich entziehen und lösen zu können, getragen.

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Abb.: Hans Burgkmair der Ältere (1508) Quelle

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Mehr zum Thema Bindung:
“Sind wir auf dem Weg, eine bindungslose und damit unglückliche Gesellschaft zu werden?” habe ich 2012 in einem Blogbeitrag gefragt. Damals ging es um das Verschwinden der Kioske und um die Frage, ob das Buch nach dem Auf- und Ausverkauf des Traditionshauses Bouvier durch Thalia zur austauschbaren bindungslosen Konsumware wird.

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¹ NDR: “Aber es gibt doch nur 0,2 % Moslems in Sachsen.” Pegida-Anhänger: “Ach, das ist mir egal, wieviele das sind, aber das sind schon 0,2 zuviel.” [min. 1:45]
“Ich hab keine Angst, ich seh nur einfach Deutschland in Gefahr.” [min 1:50]
“ich bin nicht gläubig, aber ich möchte, dass die Kirche im Dorf bleibt und dass wir nicht in irgendeine Moschee rennen müssen zu Weihnachten.” [min 4:25]
Quelle: Panorama-Beitrag “Kontaktversuch: “Lügenpresse” trifft Pegida” (NDR)

² Regionales Fallbeispiel: Sitzplätze statt Parkplätze
http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bonn/Stadt-will-Aussengastronomie-Projekt-ausdehnen-article1535604.html

³ Weiteres regionales Fallbeispiel: Die sogenannte Bürgerbefragung zum Bonner Haushalt, in der Bürger aus einer schwarzen Liste auswählen sollten, wo Gelder gekürzt werden. http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bonn/kammerspiele-und-baeder-auf-bonns-streichliste-article1463249.html Kultur- gegen Sporteinrichtungen, Kitagebühren gegen Hundesteuer – jeder sollte die Kürzungen beim jeweils anderen befürworten.

 

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