Reaktionsfähigkeit und Medienevolution

Politik und konventionelle Medien haben im Januar und Februar eine Gemeinsamkeit gezeigt: Sie einte ein sonderbares Zaudern, ein Ausbleiben von Handlungswillen oder -fähigkeit in Bezug auf die politische Lage in Ägypten. Etwas schien sie daran zu hindern, in der Ägyptenfrage zu handeln oder Stellung zu beziehen. Konnte man ihnen in den ersten Tagen noch zu Gute halten, dass sie die Lage erst einmal abwarten, um nicht nicht in Aktionismus zu verfallen (ein legitimer Ansatz), so war doch irgendwann der Zeitpunkt gekommen, an dem eine Reaktion fällig gewesen wäre.

Weder die nationalen Regierungen, noch die EU, noch die Mittelmeerunion konnten sich zu einer klaren Reaktion durchringen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigte unterdessen das übliche Wochenend-Programmschema samt Florian Silbereisen und Wintersport. Politische Talkshows debattierten über zu Guttenberg, das WDR5-Tagesgespräch über die Frührente.

Angesichts eines außergewöhnlichen zeitgeschichtlichen Geschehens, das manche mit dem Fall der Mauer und dem Abrutschen des eisernen Vorhangs vergleichen, reagierte das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit Medienbusiness as usual, bevor es mit einwöchiger Verzögerung schließlich doch erwacht. Jochen Hieber nennt es in der FAZ das “Pflichtstück”. Die Programmdirektion des ARD gibt in einem Antwortschreiben auf eine Beschwerde hin unumwunden zu, in der Ägypten-Frage zunächst nur das Nötigste unternommen zu haben: “Damit sind wir unserem Programmauftrag ausreichend nach[ge]kommen”. “Ausreichend” reicht aber nicht in solch historischen Momenten.

Wie erklärt sich diese Handlungslähmung? Es ist – und das halte ich für den entscheidenden Faktor – mangelnde Reaktionsfähigkeit: die Unfähigkeit, angemessen auf Ungeplantes zu reagieren. Wie schwere Tanker treiben Politik und Teile der Medien durch die Gegenwart, verfangen in alten Strukturen und Handlungsmodellen, gebunden durch Verbindlichkeiten, ohne Plan und Konzept, ohne Antwort auf aktuelle Entwicklungen.

Dieser Mangel an Reaktionsfähigkeit ist der heutigen Welt nicht mehr angemessen. Er hinterläßt eine zu spürbare Lücke: Menschen, die vergeblich auf adäquate Antwort warten,  formulieren das und verharren eine Weile in Ratlosigkeit, in der sie dem “Alten” noch eine Chance geben. Dann aber wenden sie sich Neuem zu. Etwas anderem, das in der Lage sein wird, diese Antwort zu geben. Das sind Zeiten, in denen sich als quasi-evolutionäre Konsequenz die Tektonik der Medienlandschaft verschiebt.

Die Frage, die wir uns in dieser Lage also konstruktiverweise stellen sollten, ist diese: Was wird in diese beharrlich aufklaffende Leerstelle hineinwachsen? Denn der freibleibende Raum wird nach und nach von anderem ausfüllt werden. An wen werden sich also die Leser, Nutzer, Bürger mit ihrem Bedürfnis nach adäquater Antwort wenden? Wer sieht den Bedarf, das Potential, das darin liegt, und ist in der Lage, diese Antwort zu geben?

Die neuen Medien scheinen hier eine besondere Rolle zu spielen. Das bedeutet nicht, dass nur sie diese Antwort geben können – sondern: dass sie Antwort geben. Dabei kommt ihnen zugute, dass ihre Technik die erforderliche Reaktionsfähigkeit ermöglicht. So konnte man dem Journalisten und Blogger Richard Gutjahr per Twitter (in Echtzeit) und der Blog (mit etwas Verzögerung) während seines Kairo-Aufenthalts über die Schulter sehen. Selbst die ARD schaltete zwischenzeitlich zu ihm. Sein Einsatz experimentiert mit einer neuen Form der Berichterstattung, die ihrerseits sehr kontrovers aufgenommen wurde. Über die Rolle der sozialen Medien in den arabischen “Facebook”-Revolten ist schon viel geschrieben worden. Sie übernehmen dort mehrere Rollen zugleich: Sie helfen den Menschen, sich untereinander zu vernetzen, um den Widerstand zu strukturieren und organisieren. Sie verleihen den Demonstrierenden eine Stimme, lassen die Welt teilhaben und zuschauen. Wer die Welt zum Zeugen hat, hat einen (nun ja: gewissen) Schutz vor Willkür. Zugleich erfüllen die sozialen Medien das Bedürfnis der Menschen im Rest der Welt, mitzubekommen und zu verstehen, was dort geschieht.

Zugleich aber zeigen auch die (neuen) Medien-Unternehmen selbst Reaktionsfähigkeit. In die bestehende Leerstelle hinein beginnen sie als Unternehmen, Position zu beziehen und politisch zu handeln. Natürlich schafft es eine heikle Situation, wenn provatwirtschaftliche Unternehmen politisch zu handeln beginnen. Aber sie füllen damit eine Lücke der politisch-gesellschaftlichen Verantwortung, die Politik und Teile der klassischen Medien durch ihr Nichthandeln hinterlassen.

Facebook und Google verwahren sich gegen die Internetsperrung durch das ägyptische Regime. Die Unternehmen Twitter, Google und SayNow legten eine Wochenendschicht ein und stellten den Service “speak2tweet” zur Verfügung, die Nutzern erlaubt, per Telefon (also auch ohne das gesperrte Internet) Twitternachrichten online zu veröffentlichen: “we’ve been [...] thinking of what we could do to help people”, schreiben sie und machten sich dann ohne langes Fackeln an die Arbeit. [Ergänzung im März 2011: ähnlich reagiert Google nach dem japanischen Erdbeben mit dem Personensuchdienst Google Person Finder]. Bemerkenswert daran ist weniger das Programm selbst, als die Unmittelbarkeit und Handlungsbereitschaft, mit der es unbürokratisch und ohne Umschweife realisiert worden ist.

Diese Unternehmen handeln. Sie handeln entsprechend ihrer Geschäftsmodelle, wegen ihrer Unternehmenskultur, aus einer ethischen Grundhaltung oder aus einem sicheren Instinkt für Marktanforderungen und Nutzerbedürfnisse. Sie sehen die Anforderungen der Gegenwart, antizipieren die Entwicklungen der Zukunft und handeln mit kurzen Reaktionszeiten. Das Ergebnis ist eine der Antworten, auf die die Zeit wartet. Deshalb haben diese Unternehmen Erfolg – und das Andere erscheint uns schwerfällig und unzeitgemäß.

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Nachtrag am 18. März 2011:

Mit der Telekom, einem der deutschen DAX30-Unternehmen, zeigt nun auch ein “klassisches” Unternehmen schnelle Handlungs- und Reaktionsfähigkeit: das Telekommunikations-Unternehmen erstattet Kunden die Kommunikationskosten mit japanischen Angehörigen. Hilfsorganisationen werden keine Kosten in Rechnung gestellt. Die Regelung gilt einen Monat und umfasst sowohl Festnetz als auch Mobilfunk, Telefonate, SMS, MMS und Daten-Roaming. Hier ist die Pressemeldung dazu: http://www.telekom.com/dtag/cms/content/dt/de/1004896

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Mehr Informationen:

In die lauen politischen Statements hinein veröffentlicht Wikileaks die entsprechende diplomatische Depesche, bestens geeignet als Hintergrundfolie zur derzeiten Zauderei.

Zum Thema Medienberichterstattung über Ägypten s. a. folgenden Beitrag auf dem Slow Media Blog.

 

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